1. Was ist das Ziel dieses Kriteriums?
Kennst du das Gefühl, wenn du in einer fremden Stadt stehst und nur eine einzige, unübersichtliche Straße zum Ziel führt? Für viele Nutzer fühlt sich das Navigieren durch Websites genauso an – frustrierend und zeitraubend.
Menschen haben unterschiedliche Vorlieben und Fähigkeiten beim Erkunden von Inhalten. Manche scannen gerne visuell durch Menüs, andere nutzen lieber eine Suchfunktion, und wieder andere bevorzugen strukturierte Übersichten. Menschen mit Behinderungen sind oft auf bestimmte Navigationsmethoden angewiesen.
Das Ziel von Erfolgskriterium 2.4.5 der WCAG ist daher klar: Nutzer sollen mindestens zwei verschiedene Wege haben, um zu jeder Seite einer Website zu gelangen. So können alle den Weg wählen, der am besten zu ihren Bedürfnissen passt.
2. Was fordert das Erfolgskriterium genau?
Ganz konkret geht es darum, dass innerhalb einer zusammengehörigen Website mehr als nur ein Weg verfügbar sein muss, um eine bestimmte Webseite zu finden.
Typische Navigationsoptionen sind:
- Suchfunktion – die klassische Suchleiste oder ein Link zur Suchseite
- Sitemap – eine strukturierte Übersicht aller Seiten der Website
- Inhaltsverzeichnis – besonders bei längeren Dokumenten oder hierarchischen Inhalten
- Linksammlung – eine Liste mit Verlinkungen zu allen anderen Seiten
- Breadcrumb-Navigation – der Pfad, der zeigt, wo man sich befindet
- Thematische Links – kontextuelle Verweise zu verwandten Inhalten
Wichtige Ausnahme: Wenn eine Seite Teil eines mehrstufigen Prozesses ist (z. B. Checkout-Prozess im Online-Shop oder Anmeldeverfahren), muss sie nicht über mehrere Wege erreichbar sein. Hier ist der sequenzielle Ablauf gewollt und sinnvoll.
3. Warum ist das wichtig für Barrierefreiheit?
Stell dir vor, du bist sehbehindert und nutzt einen Screenreader. Das Durchlaufen eines komplexen Hauptmenüs mit dutzenden Unterpunkten kann frustrierend langsam sein – eine Suchfunktion wäre viel effizienter. Oder du hast kognitive Einschränkungen und findest eine klare Sitemap übersichtlicher als verschachtelte Dropdown-Menüs.
Mehrere Navigationswege schaffen Barrierefreiheit, weil sie:
- Menschen mit visuellen Einschränkungen alternative Wege zur Menü-Navigation bieten
- Nutzern mit kognitiven Beeinträchtigungen verschiedene Strukturierungsoptionen ermöglichen
- Menschen mit motorischen Einschränkungen je nach genutzter Technologie passende Bedienformen anbieten
- Allen Nutzern helfen, Inhalte schneller und intuitiver zu finden
- Die Orientierung auf der Website verbessern und Frustration reduzieren
Und nicht zuletzt: Sie machen Websites robuster und nutzerfreundlicher – auch für alle, die einfach mal schnell etwas Bestimmtes suchen oder sich einen Überblick verschaffen wollen.
4. So setzt du das Kriterium erfolgreich um
Die gute Nachricht: Du musst nicht alle möglichen Navigationswege implementieren – zwei reichen aus. Hier ein paar bewährte Kombinationen und Tipps:
Für kleine Websites (bis 10-15 Seiten):
- Hauptnavigation + einfache Sitemap
- Hauptnavigation + Liste aller Seiten im Footer
- Navigation + interne Suchfunktion
Für größere Websites:
- Hauptnavigation + Suchfunktion (der Klassiker)
- Breadcrumb-Navigation + Sitemap
- Kategorien-Navigation + A-Z-Index
- Thematische Landing Pages + Suchfunktion
Technische Umsetzung:
- Verwende aussagekräftige Link-Texte in allen Navigationselementen
- Platziere Navigationshilfen konsistent an den gleichen Stellen
- Kennzeichne die aktuelle Seite in der Navigation deutlich
- Teste, ob alle Links funktionieren und zu den richtigen Zielen führen
- Nutze strukturierte Daten für bessere Suchmaschinen-Integration
Tools und Best Practices:
- Viele CMS bieten bereits Sitemap-Generatoren
- WordPress-Plugins wie Yoast SEO erstellen automatisch XML-Sitemaps
- Für die Suche: Elasticsearch, Algolia oder einfache PHP/JavaScript-Lösungen
- Breadcrumbs lassen sich meist über Theme-Funktionen oder Plugins hinzufügen
5. Warum dieses Erfolgskriterium für Unternehmen relevant ist
Mehrere Navigationswege sind nicht nur ein Barrierefreiheits-Feature – sie sind ein echter Business-Booster für jede Website.
1. Zielgruppe erweitern
Verschiedene Navigationswege sprechen verschiedene Nutzertypen an. Während technikaffine Nutzer gerne die Suchfunktion verwenden, bevorzugen andere eine visuelle Sitemap. Mit mehreren Optionen holst du alle ab – und schließt niemanden aus.
2. Suchmaschinenoptimierung verbessern
Sitemaps, interne Verlinkungen und strukturierte Navigationen sind SEO-Gold. Sie helfen Suchmaschinen dabei, deine Inhalte vollständig zu erfassen und zu verstehen. Eine gut verlinkte Website rankt besser und wird häufiger gefunden.
3. Conversion-Rate steigern
Wenn Nutzer schneller finden, wonach sie suchen, kaufen oder konvertieren sie eher. Studien zeigen: Websites mit klarer Navigation haben signifikant niedrigere Absprungraten und höhere Verweildauern. Jede Sekunde, die ein Nutzer beim Suchen spart, erhöht die Chance auf eine Conversion.
Und nicht zuletzt: Rechtssicherheit und Fördermöglichkeiten. Viele öffentliche Projekte fordern digitale Barrierefreiheit bereits verpflichtend – wer vorbereitet ist, hat klare Vorteile bei Ausschreibungen und Förderanträgen.
6. Das Erfolgskriterium im Wortlaut der W3
Success Criterion 2.4.5 Multiple Ways (Level AA)
More than one way is available to locate a web page within a set of web pages except where the web page is the result of, or a step in, a process.