1. Was ist das Ziel dieses Kriteriums?
Stell dir vor, ein Freund beschreibt dir am Telefon eine Website. Bei jedem Bild sagt er nur: „Hier ist ein Bild." Welches Bild? Ein Produktfoto? Eine Grafik mit den Öffnungszeiten? Der Kaufen-Button? Du hättest keine Chance, der Seite zu folgen.
Genau diese Erfahrung machen Menschen, die mit Screenreadern arbeiten, wenn Bilder keine Textalternativen haben. Das Ziel von Erfolgskriterium 1.1.1 ist deshalb so einfach wie fundamental: Jeder Inhalt, der kein Text ist, braucht eine Textalternative, die denselben Zweck erfüllt. Es ist das allererste Kriterium der WCAG – und das aus gutem Grund: Text ist das universellste Format im Web. Er kann vorgelesen, vergrößert, übersetzt und in Braille umgewandelt werden.
2. Was fordert das Erfolgskriterium genau?
Alle Nicht-Text-Inhalte, die dem Nutzer präsentiert werden, brauchen eine Textalternative, die dem gleichen Zweck dient. Das betrifft mehr, als viele denken:
Informative Bilder brauchen einen Alternativtext, der die enthaltene Information wiedergibt – nicht das Aussehen beschreibt.
Funktionale Grafiken wie Icon-Buttons oder verlinkte Logos brauchen einen Text, der die Funktion benennt: „Suche öffnen" statt „Lupe".
Komplexe Grafiken wie Diagramme oder Infografiken brauchen eine ausführlichere Beschreibung – etwa als Bildunterschrift oder verlinkte Langbeschreibung.
Rein dekorative Bilder bekommen ein leeres alt="", damit assistive Technologien sie stumm überspringen können.
Es gibt definierte Ausnahmen: Bei CAPTCHAs, Tests oder sensorischen Erlebnissen (etwa einem Musikstück) reicht eine beschreibende Identifikation. Und zeitbasierte Medien wie Videos werden von den Kriterien unter 1.2 gesondert behandelt.
3. Warum ist das wichtig für Barrierefreiheit?
Für blinde und stark sehbehinderte Menschen sind Alternativtexte der einzige Zugang zu Bildinhalten. Doch der Kreis der Profiteure ist größer:
- Screenreader-Nutzer erhalten die Information, die alle anderen sehen
- Menschen mit langsamer Internetverbindung sehen den Alternativtext, bevor das Bild lädt
- Braillezeilen-Nutzer können Bildinformationen ertasten
- Sprachassistenten und Suchmaschinen verstehen, was auf deinen Bildern zu sehen ist
Fehlende Alternativtexte gehören seit Jahren zu den häufigsten Barrieren überhaupt: Die WebAIM-Million-Studie findet sie regelmäßig auf über der Hälfte aller untersuchten Startseiten.
4. So setzt du das Kriterium erfolgreich um
Der wichtigste Schritt ist ein Perspektivwechsel: Frage nicht „Was ist auf dem Bild zu sehen?", sondern „Welche Information soll das Bild vermitteln?"
Schreibe zweckorientiert. Ein Produktfoto im Shop: „Blaues T-Shirt mit Rundhalsausschnitt, Vorderansicht" – nicht „Foto von einem T-Shirt".
Benenne Funktionen statt Aussehen. Bei verlinkten Grafiken zählt das Ziel: „Zur Startseite" statt „Logo".
Verzichte auf Füllfloskeln. „Bild von…" oder „Grafik zeigt…" sind überflüssig – der Screenreader kündigt Bilder ohnehin als solche an.
Markiere Dekoration konsequent. Zierlinien, Hintergrundmuster und Stimmungsbilder bekommen alt="" – ein fehlendes alt-Attribut ist dagegen ein Fehler, denn dann liest der Screenreader den Dateinamen vor.
Prüfe automatisiert und manuell. Tools wie WAVE oder axe finden fehlende Alternativtexte zuverlässig. Ob die Texte inhaltlich taugen, kann aber nur ein Mensch beurteilen.
5. Warum dieses Erfolgskriterium für Unternehmen relevant ist
Alternativtexte sind das Paradebeispiel dafür, dass Barrierefreiheit und Geschäftsinteressen Hand in Hand gehen:
1. SEO-Gewinn inklusive
Suchmaschinen können Bilder nur über ihre Textalternativen zuverlässig einordnen. Gute Alt-Texte verbessern dein Ranking in der Bildersuche und stärken die inhaltliche Relevanz deiner Seiten.
2. Rechtliche Absicherung
Mit dem Barrierefreiheitsstärkungsgesetz sind viele Unternehmen zur Barrierefreiheit verpflichtet. Fehlende Alternativtexte sind bei Prüfungen der am schnellsten gefundene Mangel – und einer der am einfachsten zu behebenden.
3. Mehr Reichweite für deine Inhalte
Ob Podcast-Cover, Produktbild oder Infografik: Nur mit Textalternative erreicht die Information wirklich alle Kunden – auch die, deren Bilder im E-Mail-Client blockiert werden.
6. Das Erfolgskriterium im Wortlaut der W3C
Success Criterion 1.1.1 Non-text Content
(Level A)
All non-text content that is presented to the user has a text alternative that serves the equivalent purpose, except for the situations listed below.
Controls, Input: If non-text content is a control or accepts user input, then it has a name that describes its purpose.
Time-Based Media: If non-text content is time-based media, then text alternatives at least provide descriptive identification of the non-text content.
Test: If non-text content is a test or exercise that would be invalid if presented in text, then text alternatives at least provide descriptive identification of the non-text content.
Sensory: If non-text content is primarily intended to create a specific sensory experience, then text alternatives at least provide descriptive identification of the non-text content.
CAPTCHA: If the purpose of non-text content is to confirm that content is being accessed by a person rather than a computer, then text alternatives that identify and describe the purpose of the non-text content are provided, and alternative forms of CAPTCHA using output modes for different types of sensory perception are provided to accommodate different disabilities.
Decoration, Formatting, Invisible: If non-text content is pure decoration, is used only for visual formatting, or is not presented to users, then it is implemented in a way that it can be ignored by assistive technology.