1. Was ist das Ziel dieses Kriteriums?
Ein Podcast erzählt eine Geschichte nur mit Stimme. Ein Erklärvideo ohne Ton zeigt eine Anleitung nur mit Bildern. Beides funktioniert großartig – solange du hören beziehungsweise sehen kannst.
Was aber, wenn nicht? Für gehörlose Menschen ist ein reiner Audiobeitrag schlicht nicht vorhanden. Für blinde Menschen bleibt ein stummes Video eine schwarze Box. Das Ziel von Erfolgskriterium 1.2.1 ist deshalb: Aufgezeichnete Inhalte, die nur aus Audio oder nur aus Video bestehen, brauchen eine gleichwertige Alternative in einer anderen Form.
2. Was fordert das Erfolgskriterium genau?
Das Kriterium unterscheidet zwei Fälle – jeweils für aufgezeichnete (nicht Live-) Inhalte:
Nur-Audio-Inhalte wie Podcasts, Interviews oder Sprachnachrichten brauchen eine Textalternative, die dieselben Informationen vermittelt – in der Praxis ein vollständiges Transkript. Es reicht nicht, das Thema zusammenzufassen: Wer liest, muss dasselbe erfahren wie jemand, der hört. Dazu gehören auch relevante Geräusche und die Angabe, wer gerade spricht.
Nur-Video-Inhalte wie stumme Animationen, Zeitraffer oder Produktdemos ohne Ton brauchen entweder ebenfalls eine Textalternative – oder alternativ eine Audiospur, die das Geschehen beschreibt.
Eine Ausnahme gibt es: Wenn das Medium selbst schon die Alternative zu einem Text ist (etwa eine vorgelesene Version eines Artikels) und klar als solche gekennzeichnet ist, braucht es keine weitere Alternative – sonst würde man Alternativen für Alternativen produzieren.
3. Warum ist das wichtig für Barrierefreiheit?
Audio- und Videoformate boomen – und schließen ohne Alternativen ganze Nutzergruppen aus:
- Gehörlose und schwerhörige Menschen erhalten über Transkripte Zugang zu Podcasts und Audiobeiträgen
- Blinde und sehbehinderte Menschen verstehen stumme Videos über Beschreibungen oder Audiospuren
- Taubblinde Menschen können Transkripte über eine Braillezeile lesen – oft ihr einziger Zugang zu Medieninhalten
- Menschen mit auditiven Verarbeitungsstörungen können Gehörtes im Text nachvollziehen
Und ganz nebenbei profitieren alle, die gerade nicht hören können oder wollen: im Großraumbüro, in der Bahn ohne Kopfhörer oder beim schnellen Überfliegen, statt 40 Minuten anzuhören.
4. So setzt du das Kriterium erfolgreich um
Plane Transkripte von Anfang an ein. Wer ein Podcast-Skript hat, ist fast fertig. Nachträgliches Transkribieren ist teurer als Mitdenken bei der Produktion.
Nutze Spracherkennung als Basis, nicht als Endergebnis. Automatische Transkription liefert einen guten Rohentwurf – Namen, Fachbegriffe und Sprecherwechsel musst du nachbearbeiten.
Platziere die Alternative auffindbar. Das Transkript gehört direkt zum Medium: auf dieselbe Seite oder deutlich verlinkt („Transkript lesen").
Beschreibe bei stummen Videos das Wesentliche. Was muss jemand wissen, der das Video nicht sieht? Handlung, eingeblendete Texte und relevante Details – nicht jede Kameraeinstellung.
Kennzeichne Medienalternativen klar. Wenn dein Video nur die vertonte Fassung eines Artikels ist, schreibe das dazu – dann greift die Ausnahme.
5. Warum dieses Erfolgskriterium für Unternehmen relevant ist
1. Content-Mehrwert statt Mehraufwand
Ein Transkript ist wiederverwendbarer Content: Aus einer Podcast-Folge werden Blogartikel, Zitate für Social Media und durchsuchbare Inhalte für deine Website.
2. SEO für unsichtbare Inhalte
Suchmaschinen können Audio und Video kaum auswerten – Transkripte machen deine Medieninhalte vollständig indexierbar und bringen Longtail-Traffic.
3. Rechtssicherheit
Mediendienste und Unternehmensauftritte fallen zunehmend unter gesetzliche Barrierefreiheitspflichten. Level-A-Kriterien wie dieses sind dabei die Grundvoraussetzung jeder Konformität.
6. Das Erfolgskriterium im Wortlaut der W3C
Success Criterion 1.2.1 Audio-only and Video-only (Prerecorded)
(Level A)
For prerecorded audio-only and prerecorded video-only media, the following are true, except when the audio or video is a media alternative for text and is clearly labeled as such:
Prerecorded Audio-only: An alternative for time-based media is provided that presents equivalent information for prerecorded audio-only content.
Prerecorded Video-only: Either an alternative for time-based media or an audio track is provided that presents equivalent information for prerecorded video-only content.