1. Was ist das Ziel dieses Kriteriums?
Schau dir ein Video ohne Ton an – etwa abends auf dem Sofa, während nebenan jemand schläft. Ohne Untertitel bleibt vom Interview, vom Tutorial oder vom Imagefilm nur eine Abfolge bewegter Bilder. Du siehst Lippen, die sich bewegen, und verpasst alles, was gesagt wird.
Für gehörlose und schwerhörige Menschen ist das keine Abendsituation, sondern der Normalfall. Das Ziel von Erfolgskriterium 1.2.2: Alle aufgezeichneten Videos mit Ton brauchen Untertitel, die den Audioinhalt vollständig wiedergeben. So wird das gesprochene Wort sichtbar – und dein Video für alle verständlich.
2. Was fordert das Erfolgskriterium genau?
Für alle aufgezeichneten Audioinhalte in synchronisierten Medien – also Videos, die Bild und Ton kombinieren – müssen Untertitel bereitgestellt werden. Gute Untertitel umfassen dabei mehr als den reinen Dialog:
Alles Gesprochene – vollständig und möglichst wortgetreu, nicht sinngemäß zusammengefasst.
Sprecher-Identifikation, wenn mehrere Personen sprechen oder die sprechende Person nicht im Bild ist.
Bedeutungstragende Geräusche wie [Telefon klingelt], [Applaus] oder [dramatische Musik] – alles, was zum Verständnis beiträgt.
Wichtig ist die Unterscheidung zu Untertiteln für Fremdsprachen: Untertitel im Sinne der WCAG (im Englischen „Captions") richten sich an Menschen, die den Ton nicht hören können – sie enthalten deshalb auch die Geräuschinformationen. Die Ausnahme des Kriteriums: Ist das Video selbst nur eine Medienalternative zu einem vorhandenen Text und klar so gekennzeichnet, sind Untertitel nicht verpflichtend.
3. Warum ist das wichtig für Barrierefreiheit?
In Deutschland leben rund 80.000 gehörlose und Millionen schwerhörige Menschen – Tendenz durch die alternde Gesellschaft steigend. Für sie sind Untertitel der Schlüssel zu Videoinhalten. Doch die Nutzergruppe ist viel größer:
- Gehörlose und schwerhörige Menschen erhalten vollständigen Zugang zum Audioinhalt
- Menschen, die eine Sprache lernen, verstehen Gesprochenes mit Textunterstützung deutlich besser
- Nutzer in lauten oder leisen Umgebungen – vom Fitnessstudio bis zum Wartezimmer – schauen ohne Ton
- Menschen mit Konzentrations- oder Verarbeitungsschwierigkeiten profitieren vom Mitlesen
Plattform-Statistiken zeigen seit Jahren: Ein Großteil der Videos in sozialen Medien wird ohne Ton geschaut. Untertitel sind längst Mainstream – die WCAG macht sie nur verbindlich.
4. So setzt du das Kriterium erfolgreich um
Nutze Closed Captions statt eingebrannter Untertitel. Zuschaltbare Untertitel (etwa als WebVTT-Datei beim HTML5-Video oder über die Player-Funktion von YouTube & Co.) lassen sich ein- und ausblenden, skalieren und von Suchmaschinen lesen.
Starte mit automatischer Erkennung, korrigiere manuell. Auto-Untertitel liefern eine Basis, scheitern aber an Namen, Fachbegriffen und Dialekten. Ohne Korrektur wird aus Barrierefreiheit schnell unfreiwillige Comedy.
Synchronisiere sauber. Untertitel müssen zeitgleich mit dem Gesprochenen erscheinen und lang genug stehen bleiben, um gelesen zu werden – als Faustregel maximal zwei Zeilen gleichzeitig.
Vergiss die Geräusche nicht. Alles, was zum Verständnis beiträgt, gehört in eckigen Klammern in die Untertitel: [lacht], [Tür knallt], [Musik wird bedrohlich].
Verankere Untertitel im Produktionsprozess. Am günstigsten sind Untertitel, wenn sie beim Videoschnitt gleich mitgeplant werden – nicht als nachträgliche Reparatur.
5. Warum dieses Erfolgskriterium für Unternehmen relevant ist
1. Mehr Reichweite und Engagement
Videos mit Untertiteln werden nachweislich länger geschaut und häufiger vollständig angesehen – gerade in sozialen Medien, wo ohne Ton gescrollt wird.
2. SEO für deine Videoinhalte
Untertitel-Dateien machen den gesprochenen Inhalt maschinenlesbar. Deine Videos werden über Suchbegriffe gefunden, die sonst unsichtbar im Ton stecken.
3. Pflicht statt Kür
Ob BFSG, EU-Richtlinien oder öffentliche Ausschreibungen: Untertitel für aufgezeichnete Videos sind eine Level-A-Grundanforderung – ohne sie ist keine WCAG-Konformität erreichbar.
6. Das Erfolgskriterium im Wortlaut der W3C
Success Criterion 1.2.2 Captions (Prerecorded)
(Level A)
Captions are provided for all prerecorded audio content in synchronized media, except when the media is a media alternative for text and is clearly labeled as such.