3.1.1 Sprache der Seite

1. Was ist das Ziel dieses Kriteriums?

Das Internet verbindet Menschen aus aller Welt – und mit ihnen eine Vielzahl von Sprachen. Aber was passiert, wenn ein deutschsprachiger Screenreader versucht, englischen Text vorzulesen? Das Ergebnis klingt etwa so, als würde jemand Shakespeares Sonette mit bayerischem Akzent deklamieren – verständlich wird's jedenfalls nicht.

Das Ziel von Erfolgskriterium 3.1.1 der WCAG ist daher klar: Jede Webseite muss ihre Hauptsprache programmatisch kennzeichnen. So können Screenreader, Browser und andere assistive Technologien die korrekten Ausspracheregeln laden, Schriftzeichen richtig darstellen und Inhalte verständlich wiedergeben.

Kurz gesagt: Wenn deine Website auf Deutsch ist, sollte das auch für Computer erkennbar sein.

2. Was fordert das Erfolgskriterium genau?

Die Standard-Menschensprache jeder Webseite muss programmatisch bestimmbar sein. Das bedeutet ganz konkret:

Eindeutige Sprachkennzeichnung: Die Hauptsprache einer Webseite muss im HTML-Code klar markiert sein – typischerweise über das lang-Attribut im <html>-Element.

Bestimmung der Hauptsprache: Wenn eine Webseite mehrere Sprachen verwendet, ist die Standard-Textverarbeitungssprache die Sprache, die am häufigsten verwendet wird. Wenn mehrere Sprachen gleich häufig verwendet werden, sollte die zuerst verwendete Sprache als Standard-Menschensprache gewählt werden.

Technische Umsetzung: Die Sprache muss so kodiert sein, dass sie von verschiedenen User Agents und assistiven Technologien automatisch erkannt werden kann.

Ausnahmen: Es gibt keine Ausnahmen für dieses Level-A-Kriterium – jede Webseite braucht eine Sprachkennzeichnung.

Ein einfaches Beispiel: Eine deutsche Website verwendet <html lang="de">, eine englische <html lang="en">, eine französische <html lang="fr">.

3. Warum ist das wichtig für Barrierefreiheit?

Stell dir vor, du bist blind und nutzt einen Screenreader, um eine englische Website zu besuchen – aber dein Screenreader ist auf Deutsch eingestellt und versucht, englische Wörter mit deutschen Ausspracheregeln vorzulesen. Aus "Hello World" wird ein unverständliches Kauderwelsch.

Die Sprachkennzeichnung schafft Barrierefreiheit, weil sie:

Screenreader unterstützt: Screenreader können die korrekten Ausspracheregeln laden und Texte verständlich vorlesen.

Visuelle Browser hilft: Visuelle Browser können Zeichen und Schriften korrekt anzeigen – besonders wichtig bei verschiedenen Alphabeten oder Schreibrichtungen.

Medienwiedergabe verbessert: Media Player können Untertitel korrekt anzeigen.

Kognitive Unterstützung bietet: Menschen mit Lese- oder Lernschwierigkeiten profitieren von Text-to-Speech-Software, die korrekt ausspricht.

Mehrsprachige Nutzer erreicht: Menschen, die mehrere Sprachen beherrschen, können Inhalte besser verstehen, wenn jede Sprache korrekt dargestellt wird.

Und nicht zuletzt: Sprachkennzeichnung macht Inhalte auch für Übersetzungstools und Suchmaschinen besser zugänglich.

4. So setzt du das Kriterium erfolgreich um

Die gute Nachricht: Sprachkennzeichnung ist technisch simpel – meist reicht eine Zeile Code. Hier die bewährten Praxis-Tipps:

HTML-Grundlagen:

  • Setze das lang-Attribut im <html>-Element: <html lang="de"> für deutsche Seiten
  • Verwende ISO-Sprachcodes: de für Deutsch, en für Englisch, fr für Französisch
  • Bei regionalen Varianten nutze Untertags: en-US (amerikanisches Englisch), en-GB (britisches Englisch)

Für verschiedene Dokumenttypen:

  • HTML5: <html lang="de">
  • XHTML als text/html: <html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" lang="de" xml:lang="de">
  • XHTML als application/xhtml+xml: <html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de">
  • PDF-Dokumente: Setze die Standard-Sprache im Dokumentkatalog über den /Lang-Eintrag

Mehrsprachige Websites:

  • Bestimme die Hauptsprache nach dem Anteil des Inhalts
  • Bei gleichen Anteilen: Wähle die zuerst verwendete Sprache
  • Kennzeichne Sprachwechsel innerhalb der Seite separat (siehe WCAG 3.1.2)

Qualitätskontrolle:

  • Teste mit verschiedenen Screenreadern (NVDA, JAWS, VoiceOver)
  • Nutze Browser-Entwicklertools zur Überprüfung
  • Verwende automatisierte Testing-Tools wie axe oder WAVE

Häufige Fehler vermeiden:

  • Nie das lang-Attribut weglassen
  • Nicht auf Sprachwechsel vergessen (z.B. bei Zitaten in anderen Sprachen)
  • Falsche ISO-Codes vermeiden – de statt ger, en statt eng

5. Warum dieses Erfolgskriterium für Unternehmen relevant ist

Auch bei Erfolgskriterium 3.1.1 gilt: Barrierefreiheit ist kein Selbstzweck – sondern bringt handfeste Vorteile für dein Business.

1. Internationale Reichweite vergrößern

Korrekte Sprachkennzeichnung macht deine Website für internationale Nutzer zugänglicher. Screenreader funktionieren besser, Übersetzungstools arbeiten präziser, und Nutzer aus verschiedenen Ländern haben eine bessere User Experience. Das erweitert deine Zielgruppe erheblich.

2. Suchmaschinenoptimierung verbessern

Suchmaschinen nutzen Sprachkennzeichnungen, um Inhalte geografisch und sprachlich richtig einzuordnen. Das verbessert dein Ranking in den jeweiligen Sprachräumen und hilft bei der lokalen SEO. Google & Co. wissen so genau, für welche Sprach-Communities deine Inhalte relevant sind.

3. Technische Robustheit steigern

Sprachkennzeichnung macht deine Website zukunftssicher und kompatibel mit neuen Technologien. Automatische Übersetzungen funktionieren besser, Voice-Interfaces verstehen deine Inhalte präziser, und KI-Tools können deine Texte korrekt verarbeiten. Das spart langfristig Entwicklungsaufwand.

Und nicht zuletzt: Rechtssicherheit und Fördermöglichkeiten. Viele öffentliche Projekte fordern digitale Barrierefreiheit bereits verpflichtend – wer vorbereitet ist, hat klare Vorteile bei Ausschreibungen und Förderanträgen.

6. Das Erfolgskriterium im Wortlaut der W3C

Success Criterion 3.1.1 Language of Page (Level A)

The default human language of each web page can be programmatically determined.

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