1. Was ist das Ziel dieses Kriteriums?
Stell dir vor, du surfst durch eine Firmenwebsite und stößt auf den Satz: "Unser agiles Framework implementiert eine skalierbare DevOps-Pipeline mit KPIs, die ROI und TTM optimieren." Für Insider ist das verständlich – für alle anderen ein Rätsel aus Abkürzungen und Fachbegriffen.
Menschen mit kognitiven Einschränkungen, Lernbehinderungen oder mangelnden Fachkenntnissen stehen bei ungewöhnlichen Wörtern, Redewendungen und Fachsprache oft vor unüberwindbaren Hürden. Das Ziel von Erfolgskriterium 3.1.3 der WCAG ist es daher, dass für alle ungewöhnlich verwendeten Begriffe – von Jargon über Idiome bis hin zu spezialisierten Fachausdrücken – Erklärungen verfügbar sind.
Kurz gesagt: Jeder Begriff, der außerhalb seines üblichen Kontexts verwendet wird oder spezielle Fachkenntnisse erfordert, braucht eine verständliche Definition.
2. Was fordert das Erfolgskriterium genau?
Ganz konkret geht es um jeden Begriff, der in ungewöhnlicher oder eingeschränkter Weise verwendet wird – das schließt drei Kategorien ein:
Fachsprache und Jargon: Spezialbegriffe aus bestimmten Berufsfeldern, die außerhalb dieser Bereiche nicht verstanden werden – wie "Stakeholder", "Benchmarking" oder "Proof of Concept".
Idiome und Redewendungen: Ausdrücke, deren Bedeutung sich nicht aus den einzelnen Wörtern ableiten lässt – wie "den Nagel auf den Kopf treffen" oder "um den heißen Brei herumreden".
Wörter in ungewöhnlicher Verwendung: Begriffe, die eine spezielle Definition haben, die vom allgemeinen Wortverständnis abweicht – wie "Text" in den WCAG (wo es eine ganz spezielle technische Bedeutung hat).
Die Anforderung: Ein Mechanismus muss verfügbar sein, um die spezifische Definition zu ermitteln – das kann ein Glossar sein, ein Link zu einer Erklärung, eine Hover-Definition oder eine andere Form der Erläuterung.
Wichtig: Dieses Kriterium gilt auf Level AAA – es ist also die höchste Stufe der Barrierefreiheit und nicht verpflichtend für die meisten Websites, aber ein echter Mehrwert für die Nutzerfreundlichkeit.
3. Warum ist das wichtig für Barrierefreiheit?
Stell dir vor, du liest einen Artikel über "Liquid Democracy" oder "Blockchain-Governance", aber niemand erklärt diese Begriffe. Du gibst frustriert auf – obwohl die Informationen eigentlich interessant für dich wären.
Erklärungen für ungewöhnliche Begriffe schaffen Barrierefreiheit, weil sie:
- Menschen mit kognitiven Einschränkungen beim Textverständnis helfen
- Lernenden und Studierenden den Zugang zu Fachwissen erleichtern
- Nutzern mit Sprachbarrieren oder eingeschränktem Wortschatz entgegenkommen
- Menschen unterstützen, die den Zoom-Modus verwenden und dadurch Kontext verlieren
- Nicht-Muttersprachlern das Verstehen komplexer Inhalte ermöglichen
- Älteren Menschen helfen, die mit neuen Begriffen weniger vertraut sind
Und nicht zuletzt: Sie machen Inhalte universell zugänglich – auch für Suchmaschinen, automatische Übersetzungen und Menschen, die einfach neugierig auf neue Themen sind.
4. So setzt du das Kriterium erfolgreich um
Die gute Nachricht: Begriffe zu erklären ist meist einfacher umzusetzen, als es klingt. Hier ein paar bewährte Methoden:
Direkte Erklärungen: Erkläre Begriffe direkt im Text: "KI (Künstliche Intelligenz) ermöglicht es Computern..." oder "Beim Onboarding – also der systematischen Einarbeitung neuer Mitarbeiter – geht es um..."
Glossar und Verlinkungen: Erstelle ein Glossar und verlinke Fachbegriffe dorthin. Nutze sprechende Links wie "Was ist Agile? (Glossar)" statt nur "Agile".
Hover-Definitionen und Tooltips: Biete kurze Erklärungen beim Überfahren mit der Maus oder bei Tastatur-Fokus – aber stelle sicher, dass diese auch für Screenreader verfügbar sind.
Kontextsensitive Hilfen: Platziere Erklärungen strategisch: Ein "?" neben komplexen Begriffen oder Ausklapp-Boxen mit Details.
Strukturierte Ansätze:
- Verwende einheitliche Kennzeichnungen für Fachbegriffe (z.B. kursiv oder farblich hervorgehoben)
- Biete verschiedene Detailgrade: Kurzerklärung plus Link zu ausführlicher Definition
- Nutze bereits bestehende Online-Wörterbücher oder Lexika als Referenz
Technische Umsetzung:
- HTML:
<abbr title="Definition">Begriff</abbr>für Abkürzungen - ARIA:
aria-describedbyfür erweiterte Beschreibungen - CSS: Tooltips mit ausreichendem Kontrast und lesbarer Schriftgröße
5. Warum dieses Erfolgskriterium für Unternehmen relevant ist
Auch bei Erfolgskriterium 3.1.3 gilt: Verständlichkeit ist kein Nice-to-have – sondern ein Business-Vorteil.
1. Zielgruppe erweitern Wenn du Fachbegriffe erklärst, machst du deine Inhalte für mehr Menschen zugänglich. Ein IT-Blog mit verständlichen Erklärungen erreicht nicht nur Entwickler, sondern auch interessierte Laien, Studierende und Quereinsteiger. Das bedeutet: mehr Reichweite, mehr Leads, mehr potenzielle Kunden.
2. Suchmaschinenoptimierung verbessern Suchmaschinen bevorzugen verständliche, ausführliche Inhalte. Wer Begriffe erklärt, schafft mehr Text, mehr Kontext und mehr Suchbegriffe. "Machine Learning" plus "maschinelles Lernen" plus "Definition" plus "Erklärung" = bessere Auffindbarkeit.
3. Conversion-Rate und Nutzerführung optimieren Verwirrte Nutzer kaufen nicht. Wer Fachbegriffe auf seiner Website erklärt, reduziert Unsicherheiten und Absprungrate. Ein E-Commerce-Shop, der "API", "Cloud-native" oder "GDPR-konform" verständlich erklärt, schafft Vertrauen und führt Kunden zielsicherer zum Kaufabschluss.
Und nicht zuletzt: Rechtssicherheit und Fördermöglichkeiten. Viele öffentliche Projekte fordern digitale Barrierefreiheit bereits verpflichtend – wer vorbereitet ist, hat klare Vorteile bei Ausschreibungen und Förderanträgen.
6. Das Erfolgskriterium im Wortlaut der W3C
Success Criterion 3.1.3 Unusual Words (Level AAA)
A mechanism is available for identifying specific definitions of words or phrases used in an unusual or restricted way, including idioms and jargon.