3.1.2 Sprache von Teilen

1. Was ist das Ziel dieses Kriteriums?

Das Internet ist heute so international wie ein Co-Working-Space in Berlin-Mitte – hier sprechen Menschen dutzende Sprachen durcheinander. Aber was passiert, wenn deine Website plötzlich vom Deutschen ins Französische wechselt, ohne dass assistive Technologien das bemerken? Ein Screenreader versucht dann „Rendez-vous" deutsch auszusprechen – und das klingt etwa so charmant wie eine Ansage im Hauptbahnhof.

Das Ziel von Erfolgskriterium 3.1.2 der WCAG ist klar: Jeder Sprachwechsel in deinem Content muss technisch erkennbar sein. Sobald sich die Sprache ändert – egal ob für ein Wort, einen Satz oder einen ganzen Absatz – müssen assistive Technologien das verstehen und entsprechend reagieren können.

2. Was fordert das Erfolgskriterium genau?

Ganz konkret geht es um die programmatische Bestimmung der Sprache für jeden Textabschnitt oder jede Phrase, die in einer anderen Sprache verfasst ist als die Hauptsprache der Seite.

Die Anforderungen sind dabei präzise:

Sprachwechsel kennzeichnen: Jede Passage oder Phrase in einer anderen Sprache als der Hauptsprache muss mit entsprechenden Attributen markiert werden (zum Beispiel lang="fr" für französische Textteile).

Technische Umsetzung: Die Sprachauszeichnung muss so erfolgen, dass Browser, Screenreader und andere assistive Technologien sie automatisch erkennen und verarbeiten können.

Klare Ausnahmen: Nicht alles muss ausgezeichnet werden – Eigennamen („Microsoft"), technische Begriffe („HTML"), Wörter unbestimmter Sprache und Begriffe, die Teil des Sprachgebrauchs geworden sind („Rendezvous" im Deutschen), sind ausgenommen.

Ein Beispiel: Wenn auf deiner deutschen Website steht „Das Meeting findet in unserem ‚Bureau de Paris' statt", sollte der französische Teil als <span lang="fr">Bureau de Paris</span> ausgezeichnet werden.

3. Warum ist das wichtig für Barrierefreiheit?

Stell dir vor, du nutzt einen Screenreader und liest einen deutschen Text – plötzlich kommt ein englischer Absatz, aber der Screenreader weiß das nicht und versucht den Text mit deutscher Aussprache zu lesen. Das Ergebnis: unverständliches Kauderwelsch statt hilfreicher Information.

Korrekte Sprachauszeichnung schafft Barrierefreiheit, weil sie:

  • Screenreader-Nutzern ermöglicht, Inhalte in der korrekten Aussprache und mit den richtigen Sprachregeln zu hören
  • Braille-Software dabei hilft, sprachspezifische Zeichen und Akzente korrekt darzustellen
  • Sprach-Software erlaubt, zwischen verschiedenen Sprach-Synthese-Engines zu wechseln
  • Menschen mit kognitiven Einschränkungen durch konsistente und vorhersagbare Textdarstellung unterstützt
  • Übersetzungshilfen und Wörterbuch-Tools dabei hilft, den richtigen Kontext zu finden

Und nicht zuletzt: Sie macht Inhalte für alle robuster – auch bei unterschiedlichen Schreibrichtungen (links-nach-rechts vs. rechts-nach-links) oder verschiedenen Alphabeten.

4. So setzt du das Kriterium erfolgreich um

Die gute Nachricht: Die Umsetzung ist technisch meist sehr einfach – erfordert aber Aufmerksamkeit beim Content-Management. Hier ein paar bewährte Praxis-Tipps:

Grundregeln für die Umsetzung:

  • Verwende das lang-Attribut in HTML für alle Sprachwechsel: <span lang="en">Hello World</span>
  • Bei XHTML verwende sowohl lang als auch xml:lang: <span lang="en" xml:lang="en">Hello World</span>
  • Nutze korrekte ISO 639-1 Sprachcodes: „de" für Deutsch, „en" für Englisch, „fr" für Französisch
  • Verwende bei Bedarf auch Länder-Spezifikationen: „en-US" vs. „en-GB" oder „de-AT" vs. „de-DE"

Praktische Umsetzung:

  • Erstelle Style-Guides für Redakteure, die häufige Sprachwechsel definieren
  • Achte besonders auf Zitate, Fachbegriffe und Produktnamen in anderen Sprachen
  • Berücksichtige auch alternative Sprachversionen von Links: <a href="..." lang="fr">Version française</a>
  • Bei rechtsbündig geschriebenen Sprachen (Arabisch, Hebräisch) zusätzlich das dir-Attribut verwenden: <p lang="ar" dir="rtl">النص العربي</p>

Was du NICHT markieren musst:

  • Eingedeutschte Begriffe wie „Computer", „Internet" oder „Meeting"
  • Eigennamen wie „Paris", „Google" oder „iPhone"
  • Technische Begriffe wie „HTTP", „CSS" oder „API"
  • Marken- und Produktnamen

Tools und Hilfsmittel:

  • Nutze HTML-Validatoren, um korrekte Sprachcodes zu überprüfen
  • Content-Management-Systeme mit entsprechenden Plugins für automatische Spracherkennung
  • Browser-Entwicklertools zum Testen der Sprachauszeichnung

5. Warum dieses Erfolgskriterium für Unternehmen relevant ist

Auch bei Erfolgskriterium 3.1.2 gilt: Barrierefreiheit ist kein Selbstzweck – sondern bringt handfeste Vorteile für dein Business.

1. Globale Zielgruppe ansprechen

Korrekte Sprachauszeichnung macht deine Inhalte für internationale Zielgruppen zugänglicher. Assistive Technologien können zwischen Sprachen wechseln, Übersetzungstools arbeiten präziser und Nutzer in verschiedenen Ländern haben eine bessere User Experience.

2. Suchmaschinenoptimierung verbessern

Suchmaschinen verstehen durch korrekte Sprachauszeichnung besser, welche Inhalte für welche Sprachräume relevant sind. Das verbessert deine internationale SEO-Performance und macht deine Website in verschiedenen Ländern besser auffindbar.

3. Content-Qualität und Professionalität steigern

Websites mit korrekter Sprachauszeichnung wirken professioneller und durchdachter. Das stärkt dein Markenimage, besonders bei internationalen Kunden und Partnern, die mehrsprachige Inhalte schätzen.

Und nicht zuletzt: Rechtssicherheit und Fördermöglichkeiten. Viele öffentliche Projekte fordern digitale Barrierefreiheit bereits verpflichtend – wer vorbereitet ist, hat klare Vorteile bei Ausschreibungen und Förderanträgen.

6. Das Erfolgskriterium im Wortlaut der W3

Success Criterion 3.1.2 Language of Parts (Level AA):

The human language of each passage or phrase in the content can be programmatically determined except for proper names, technical terms, words of indeterminate language, and words or phrases that have become part of the vernacular of the immediately surrounding text.

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